Die Mondgeliebte – Leseprobe

Auszug aus: Die Mondgeliebte

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19
So schön, antwortete sie wenige Minuten später. Ein wunderschönes Lied, mein liebster Strömberg. Danke!!! Ach, könnte ich bei dir sein, jetzt und für immer … Und die Geschichte, ach, du Lieber.
Er spürte ihre warmen, weichen Lippen am Ohr und wünschte ihr guten Schlaf und viel Sternenstaub. Er wollte nicht schlafen. Der Augenblick dehnte sich bis in eine Zukunft, in der alles möglich schien. Er musste es nur wollen und behutsam sein.
Als Strömberg wieder mit dem Mond plauschte, fiel ihm Theodor Storms Geschichte vom kleinen Häwelmann ein, der putzmunter in seinem rollenden Bett lag.
Er bat den Mond, ihm die Tür zu öffnen. Der Mond ließ einen langen Strahl durch das Schlüsselloch fallen. So gelangte der Junge aus dem Haus und rollte mit seinem Bett über das Straßenpflaster. Aber die Straßen waren menschenleer. Lieber wollte er in den Wald. Die Tiere sollten ihn sehen. Er rief: Mehr, mehr! Leuchte, alter Mond, leuchte!

Der gute Mond begleitete den kleinen Häwelmann und leuchtete in alle Büsche; aber die Tiere schliefen, nur eine Katze saß auf einem Baum und illuminierte.
Der Junge hatte noch nicht genug. Er rief: Mehr, mehr! Leuchte, alter Mond, leuchte!
Und so fuhren sie zum Walde hinaus bis ans Ende der Welt, und dann gerade in den Himmel hinein. Hier war es lustig; alle Sterne waren wach und funkelten, dass der ganze Himmel blitzte.
Der kleine Häwelmann rief: Mehr, mehr! Der Mond pustete seine Laterne aus, die Sterne schlossen die Augen. Der kleine Häwelmann war allein im Himmel und fürchtete sich sehr. Endlich entdeckte er ganz unten am Himmelsrande ein rotes rundes Gesicht.
Er meinte, der Mond sei wieder aufgegangen, doch es war die Sonne, die gerade aus dem Meer auftauchte. Sie fragte, was er in ihrem Himmel mache. Sie warf den kleinen Häwelmann mitten in das große Wasser. Da konnte er schwimmen lernen …
Wenn Strömberg sich nicht täuschte, gähnte der Mond, wahrscheinlich gelangweilt von einer Geschichte, die er sich schon mindestens 156 Millionen Mal hatte anhören müssen. Er verkroch sich hinter einer finsteren Wolkendecke.
Einer erwachte. Die Einzige schlief noch. Der Schlaf war älter als die poetischen Träume, die wieder jugendlich frisch waren. Strömberg kuschelte sich an Adajas warmen Körper. Er küsste den Nacken, fuhr mit beiden Händen durch die dunkelbraunen Locken. Sie drehte sich zu ihm, schlug die Augen auf, die mit herzförmigen Pupillen geschmückt waren wie bei einer verliebten Gelbbauchunke.
Sie liebten sich im Einverständnis des tiefblauen großen Sees, dem schlafenden Mond und der nepalgelben Sonne, die über die Dächer gestiegen war. Zwei Körper, zwei Seelen im absoluten Gleichklang, für immer, aus Liebe gewebt.
Die Klänge eines Saxophons wehten über den großen See, das Hohe Lied der Liebe: Wer ist, die da erscheint wie das Morgenrot,/wie der Mond so schön, strahlend rein wie die Sonne,/prächtig wie die Himmelsbilder?/Deiner Hüften Rund ist wie Geschmeide,/gefertigt von Künstlerhand. Dein Schoß ist ein rundes Becken,/Würzwein mangle ihm nicht./Dein Leib ist ein Weizenhügel,/mit Lilien umstellt./Deine Brüste sind zwei Kitzlein,/wie die Zwillinge einer Gazelle …
Ach, sagte Strömberg.
Er umarmte und küsste das Kopfkissen und hatte es auf einmal sehr eilig, seinen Laptop zu begrüßen. Er wollte Adaja seinen Traum erzählen und freute sich auf den Morgengruß, den sie wahrscheinlich schon vor Stunden geschickt hatte.
Sie schrieb, sie werde jetzt gehen. Sie könne der Liebe nicht standhalten Für immer und ewig werde er bei ihr sein. Er solle sie bitte gehen lassen. In Liebe, für immer …
Strömberg hatte gerade die erste Zigarette aufgeraucht, da klebte die zweite schon zwischen den Lippen.
Er saß am Ufer des großen Sees und hoffte, dass der Wind ihm einen Fährmann schickte, der ihn zu einer Insel brachte oder wenigstens bis ans Ende der Welt, und dann gerade in den Himmel hinein, und wartete bis zur feierlich stillen Nacht. Irgendwo hatte er gelesen, dass eine Träne etwa 15 Milligramm wog, dass der Mensch in seinem Leben eine Badewanne mit Tränen füllte.
Mit Sonnenaufgang verschickte er ein Gedicht, das er kurz zuvor dem Mond vorgelesen hatte:

Für immer
In dieser Nacht
lebst du dein Leben
rückwärts von einem
für immer
zum nächsten kleinen Tod
der die Worte sich vom Mund
abspart und irgendetwas geschieht
von dem du nicht weißt
was es bedeutet und derselbe Mond
über Rosenwil und Berlin und
die Schatten sind gewesen es wird
sich nichts mehr ändern doch schön
bleibt mein Traum.

20
Der Sommer zog sich bis in den September hinein, heißer Saharawind, Temperaturrekorde. Strömberg besänftigte die Hitze mit einem Tischventilator und schrieb Texte für die Wortagentur. Er hatte keine Lust, ein Gespräch mit dem Sommer zu beginnen.
Am Sternenhimmel standen die Zeichen auf Herbst. Das Sommerdreieck aus den hellen Sternen Deneb, Wega und Altair wandte sich in der ersten Nachthälfte nach Westen. damit im Osten Kassiopeia und Herbstviereck genug Platz hatten.
Merlot war der verlässlichste aller Freunde. Er schenkte, wenn man ihm lange genug zusprach und mit dem frugalen Ergebnis zufrieden war, Strichpunkte zur weiteren Verwendung. Das Semikolon, das längst aus der Mode gekommen war, konnte zwischen gleichrangigen Wortgruppen stehen, zum Beispiel Schmerz Strichpunkt Amnesie. Merlot erwartete niemals eine Gegenleistung.
Hinter Strömbergs genialer Stirn schwebten ein paar Gedichte. Mit seiner redundanten Fantasie durchwanderte er die vergangenen Wochen und endete stets in der endlosen Steppe der Sehnsucht. Hier gab es keine bewohnbaren Flächen, nicht einmal einen Laden, in dem man Zigaretten und Wein hätte kaufen können.
Ich vermisse dich, sagte er und war sich sicher, dass er an diesem Punkt sein Leben ausgeschöpft hatte. Konnte man sich jemals sicher sein? Die Welt war eintönig grau geworden. Alles trieb fort.
Nach Mitternacht starrte Strömberg in Adajas südliche Richtung und freute sich, wenn der Mond ihm Gesellschaft leistete. Er erzählte seinem Vertrauten, dass sie ihm geschrieben habe, sein Gedicht sei sehr schön, dass sie der Liebe nicht standhalten könne, dass sie ihn nicht als Freund verlieren wolle. Eine Freundschaft sei oft wertvoller als eine Beziehung. Sie habe viele nette Menschen in ihrer Umgebung, die ihr oft ein Lächeln schenkten. Sie zweifele an ihrer Beziehungsfähigkeit. Sie habe das Alleinsein genossen. Sie habe Angst und Zweifel wegen ihrer großen Freiheitsliebe, der unbändige Drang, ungebunden zu sein …
Der Mond eine gleichgültig schweigende Sichel. In Strömbergs Kopf tönten obstinate Sprechgesänge, die gegen alles gerichtet waren, was Besserung versprach.
Erst als er ein paar Sterne an den nachtschwarzen Himmel gezeichnet hatte, war der Einäugige wieder König, der mit zwei Fingerspitzen die verworrenen Schatten bändigte.
Als Strömberg erwachte, dachte er an Adaja und dachte, dass er sie wiederfinden musste, sonst würde er sterben und bei dem Gedachten schüttelte ihn ein hartnäckiger Hustenanfall, dass er glaubte, jetzt sei es entschieden.
Hoffnung ist die Mutter der Dummen. Strömbergs gesammelten Sprüche, jederzeit abrufbar, abgetragenes Allerweltswissen, das weniger als eine Binse Weisheit wog.
Komm zu mir, wenn du alt wirst, sagte Strömberg. Komm zu mir, wenn du Gänsehaut hast. Denk an meinen Namen, wenn der große See düstere Tage ans Ufer spült und komm zu mir. Vermisse mich, vermisse mich, Adaja. Lalaluna.
Wenn man Tränen schreiben könnte …
Die übermüden Augen staunten einen Mond an, der rot blutete, maronenrot. Der Gnom, fast ein Gnom, wusste nicht, was er davon halten sollte.
Ach, sagte Strömberg.
Der fast ein Gnom kletterte auf das Fensterbrett, lauschte dem Wind, der auf einmal aus Nordost wehte und hüpfte in das Nichts. Er hatte vergessen, dass er nicht fliegen konnte. Als er den Boden unter den Füßen verlor, trugen ihn Wörter, die im Überfluss aus den viel zu großen Ohren rieselten und in der Luft schlagartig einen fliegenden Wörterteppich webten.
Er landete zwischen zwei artifiziellen Pflanzen im Garten der Träumer und fand es diesmal nicht der Mühe wert, auch nur eine Pore seiner Haut zu verbergen.
Schön, dich zu sehen, sagte die unbiegsame Rose.
Er sagte, er komme hoffentlich nicht ungelegen.
Mein Wortmaler kommt mir immer gelegen, sagte die unbiegsame Rose. Magst du mir ein paar Worte malen? Seine Worte seien wohligwarm und zum Einkuscheln. Und sie sage bewusst Worte und nicht Wörter. Sie habe die Unterscheidung schon verstanden. Und in den frühen Herbstnächten, wo der Wind plötzlich kalt aus Nordost wehe, habe sie ein Bedürfnis nach wärmender Kurzweil.
Du bist die Wortmalerin, sagte er. Selbst wenn du schweigst, bewortest du mich. Stumm neben meinem Körper spüre ich deine ehrliche Zuneigung.
Sie fragte, ob er sie küssen wolle.
Sie würde Tränen schmecken, wenn sie seine Lippen berührte. Sie küssten sich. Der Gnom, fast ein Gnom, starb fast vor Glück und wollte sich nie wieder bewegen und die Augen für immer geschlossen halten und dachte, dass es vielleicht nur die Worte waren, die sie küsste. Er wünschte sich, den Rest seines Lebens so zu verbringen, wie diese Sekunden jetzt.
Strömberg schloss das Fenster, setzte sich mit einer Zigarette zwischen den Lippen an den Laptop. Die Geschichte schrieb sich fast von selbst, als ob sie schon ewig in seinem Kopf gewesen wäre. Ein glückliches Ende, für ihn und für die Geschichte: Adajas Mondgeschichte: Mein kleiner Wortmaler-Gehilfe malt dir Schlafzauberworte …